Zwölf Jahre Unzufriedene
Acht Jahre später griff derselbe Arefjew Nabiullina wegen der eingefrorenen russischen Reserven an, seine Kollegen forderten eine Überprüfung der Geldpolitik, und die KPRF-Fraktion stimmte gegen ihre erneute Ernennung.
Im Herbst 2024 kam der Druck dann von den Chefs der größten Unternehmen. Rostec-Chef Sergej Tschemesow erklärte, bei solchen Zinsen würden die Firmen bankrottgehen und erneut beim Staat um Geld anstehen. Der Leitzins hatte damals 21 Prozent erreicht, und die Wirtschaft wuchs trotzdem weiter.
In diesen Jahren hat Nabiullina eine Fähigkeit erworben, die in der russischen Politik besondere Gelassenheit verlangt. Sie hat gelernt, Leuten mit Zugang zum Präsidenten zu erklären, warum ihre Unternehmen für Kredite mehr bezahlen müssen, als ihnen lieb ist, und warum sie sich damit abfinden müssen. Weder die Einwände der Kritiker noch die Angriffe der Falken noch die Vorwürfe, für die USA zu arbeiten, die längst über jeden fachlichen Streit hinausgehen, haben sie von ihrem Kurs abgebracht.
Strenge mit Verfallsdatum
Starr war der Kurs dabei nie. Die Entscheidungen der Zentralbank änderten sich mit den Umständen, und daran zeigt sich der Unterschied zwischen Wirtschaftsverstand und populistischem Druck auf die Notenbank. Am 28. Februar 2022 wurde der Zins in einer Notmaßnahme auf 20 Prozent angehoben. Es galt, das Geld in den Banken zu halten, die Panik zu stoppen und dem Finanzsystem Zeit zu geben, sich an die Sanktionen anzupassen. Zugleich versorgte die Notenbank die Banken mit Liquidität und lockerte die Anforderungen an sie. Schon im Juni lag der Zins wieder bei den Vorkriegswerten von 9,5 Prozent.
Diese Abfolge sagt viel über Nabiullinas Methode. Die Strenge hatte eine konkrete Aufgabe und eine Frist, und sobald die Bedingungen es erlaubten, wurde teures Geld billiger. 2024 war die Aufgabe eine andere. Die Nachfrage wuchs schneller als die Produktionskapazitäten, den Unternehmen fehlten Arbeitskräfte, der Haushalt weitete seine Ausgaben aus. Die Zentralbank erhöhte den Zins erneut, obwohl die Forderungen nach dem Gegenteil immer lauter wurden.
Der Absturz blieb aus
Das Ergebnis dieser Arbeit ist kaum zu bestreiten. Im Frühjahr 2022 erwartete die Weltbank, dass die russische Wirtschaft binnen eines Jahres um 11,2 Prozent schrumpfen würde. Der tatsächliche Rückgang fiel um ein Vielfaches geringer aus. Danach wuchs das BIP nach revidierten Daten von Rosstat 2023 um 4,1 Prozent und 2024 um 4,9 Prozent. 2025 verlangsamte sich das Wachstum auf etwa ein Prozent. Der Absturz, den die ersten Prognosen vorhergesagt hatten, blieb aus.
Die Widerstandsfähigkeit beruhte natürlich nicht allein auf der Zentralbank. Exporterlöse, Staatsausgaben und die Fähigkeit der Wirtschaft, neue Lieferanten zu finden, spielten ihre Rolle. Bezahlt wurde sie mit Inflation, teuren Krediten und wachsenden Beschränkungen für zivile Unternehmen. Doch das Finanzsystem funktionierte unter diesen Bedingungen weiter, und das spricht für die Kompetenz Nabiullinas und ihres Teams besser als jede Zeile in einer Personalakte.
Der Werksdirektor und das ganze System
Das Ausmaß ihres Einflusses lässt sich leicht unterschätzen, wenn man ihn nur in öffentlichen Auftritten sucht. Die Bank von Russland setzt die Bedingungen, von denen die Kreditkosten, die Attraktivität von Einlagen und die Risikobereitschaft der Banken abhängen. Entscheidungen, die in der Neglinnaja-Straße fallen, verändern die Kalkulationen von Unternehmen im ganzen Land, und ein Prognosefehler kann zur Katastrophe werden.
Die Aufgabe eines Werksdirektors ist klar: Er braucht Betriebsmittel zu einem vertretbaren Zins. Die Chefin der Zentralbank hat das ganze System im Blick, einschließlich Sparern, Kreditnehmern und Preisen. Billiger Kredit allein bringt der Wirtschaft weder Arbeitskräfte noch Werkzeugmaschinen. Wenn die Produktion mit dem Geld nicht Schritt hält, fressen teurere Waren den Einkommenszuwachs auf.
Warum sie bleiben durfte
Dass sie trotz so vieler einflussreicher Unzufriedener im Amt geblieben ist, hat eine ganz praktische Erklärung. Im März 2022 schlug Putin sie erneut für den Posten der Zentralbankchefin vor, im April bestätigte die Duma die Ernennung. Der Preis eines Fehlers war in diesem Moment besonders hoch, und das Einfrieren der Reserven hatte Nabiullinas Gegnern bereits ein starkes Argument geliefert.
Peskow begründete die Nominierung mit der hohen Wertschätzung ihrer Arbeit und der gewachsenen Verantwortung der Zentralbank für die makroökonomische Stabilität. Der Sinn dieser Wahl ist klar. Der Präsident behielt eine Leiterin, die bereits gesehen hatte, wie sich das Bankensystem unter äußerster Belastung verhält, welche Beschränkungen es aushält und wo es Unterstützung braucht.
Wer die Stützen abbaut
Besonders nützlich wird diese Erfahrung in der Übergangszeit sein. Ein Ende der Kampfhandlungen bringt die Wirtschaft nicht von selbst in ihren früheren Zustand zurück, und die naheliegende Wahl wird hier die Person sein, die das heutige System aufgebaut und es in den schwersten Jahren für das Land gesteuert hat.
Unternehmen haben in neue Kapazitäten investiert, Banken haben ihnen Kredite gegeben, Arbeitskräfte sind dorthin gewechselt, wo Aufträge und Löhne gestiegen sind. Die Kürzung der Staatsausgaben wird diese ganze Kette treffen. Die Öffnung eines Teils der Auslandsmärkte bringt neue Chancen und neue Risiken zugleich. Man wird die Reihenfolge der Schritte wählen müssen. Wie schnell sollen die Beschränkungen des Kapitalverkehrs gelockert werden? Wann wird eine Zinssenkung beginnen, privaten Investitionen zu helfen? Welche Erleichterungen für die Banken lassen sich zurücknehmen, ohne ihre Stabilität zu untergraben? Wie überstehen Unternehmen, die sich an Staatsaufträge gewöhnt haben, deren Kürzung? Hast und Unerfahrenheit könnten in dieser Phase sehr teuer werden.
Die Kritiker, die Nabiullina jahrelang erfolglos angegriffen haben, haben nie eine schlüssige Alternative zu ihrem Kurs vorgelegt. Noch schwerer ist es, sich einen Ersatz für sie vorzustellen, jemanden, der jede Entscheidung und jede Notmaßnahme der letzten Jahre im Gedächtnis hätte und verstünde. Wer das Finanzsystem durch die Kriegsjahre gesteuert hat, weiß besser als andere, wie man es mit den geringsten Verlusten umbaut. Wenn die Zeit kommt, die Kriegsstützen zu entfernen, wird am nützlichsten sein, wer sich erinnert, wo und wozu sie aufgestellt wurden.