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Sergei Tschemesow bei einem Arbeitstreffen im Kreml, Mai 2024. Foto: kremlin.ru, CC BY 4.0
Sergei Tschemesow bei einem Arbeitstreffen im Kreml, Mai 2024. Foto: kremlin.ru, CC BY 4.0

Sergei Tschemesow – der „Verwalter“, der seinen „Direktor“ enttäuscht hat

5G in ganz Russland, futuristische Straßenbahnen, Flugzeuge mit russischen Triebwerken – in diese und viele weitere Projekte von Rostec flossen jahrelang Milliarden, und heraus kam am Ende stets so gut wie nichts. Der Grund ist einfach: Sergei Tschemesow, der Chef von Rostec, hat den Staatskonzern in seinen persönlichen Futtertrog verwandelt.

Doch nicht das wurde zum Stein des Anstoßes zwischen ihm und Wladimir Putin. Man gab Tschemesow zu verstehen, erst hinter den Kulissen, dann auch öffentlich: Der Kreml bereitet sich auf die Nachkriegswelt vor, und deshalb muss der Schwerpunkt auf den zivilen Sektor verlagert werden. Tschemesow aber, der sich für einen Waffenbaron hielt, ignorierte sämtliche Signale.

Das letzte kam im Juni 2026 von Putin persönlich.

„In der Luftfahrtindustrie muss schneller und in größerem Maßstab gehandelt werden“, erklärte der russische Präsident bei einer Fachberatung.

Diese Worte waren in erster Linie an Tschemesow gerichtet. Schon 2019 hatte man dem Rostec-Chef die Aufgabe gestellt, ein Flugzeug ohne importierte Teile zu bauen. Vorzuweisen ist bis heute allerdings nur die SJ-100, die noch immer im Flugerprobungsprogramm steckt, während sich die Zulassung der MS-21 überhaupt auf 2027 verschoben hat.

Kein Wunder also, dass „Putin mit dem Tempo der Entwicklung der Luftfahrtbranche unzufrieden blieb“, wie russische Medien schrieben. Denn der Präsident braucht schon jetzt Zivilflugzeuge in Serienfertigung: um im richtigen Moment ohne unnötige Verzögerung den internationalen Flugverkehr zu öffnen und sich ein Stück des Weltluftfahrtmarktes zu sichern.

Eine Serienmaschine Suchoi Superjet 100 in den Farben der Rossija auf dem Flughafen Pulkowo, St. Petersburg, 3. August 2022. Es handelt sich um die frühere Version des Flugzeugs, nicht um die importsubstituierte SJ-100, die noch erprobt wird – von dieser existiert keine frei lizenzierte Aufnahme. Foto: Mike1979 Russia. Lizenz: CC BY-SA 4.0 (Bild verkleinert; Bearbeitungen sind unter derselben Lizenz weiterzugeben). Quelle: Wikimedia Commons
Eine Serienmaschine Suchoi Superjet 100 in den Farben der Rossija auf dem Flughafen Pulkowo, St. Petersburg, 3. August 2022. Es handelt sich um die frühere Version des Flugzeugs, nicht um die importsubstituierte SJ-100, die noch erprobt wird – von dieser existiert keine frei lizenzierte Aufnahme. Foto: Mike1979 Russia. Lizenz: CC BY-SA 4.0 (Bild verkleinert; Bearbeitungen sind unter derselben Lizenz weiterzugeben). Quelle: Wikimedia Commons

Rostec aber bremst die Produktion, wo es nur kann. Und das Problem ist, wohlgemerkt, nicht das Geld – der Staatskonzern hatte bei der Finanzierung stets freie Hand. Auch nicht die Technologie. Das Problem ist Tschemesow selbst.

In Putins Blickfeld geriet er bereits in den achtziger Jahren, während des gemeinsamen Dienstes in Dresden. Dort arbeitete Tschemesow – oder „der Verwalter“, wie ihn die Kollegen nannten – in der örtlichen Vertretung der experimentell-industriellen Vereinigung „Lutsch“. Wer ihn kannte, erinnert sich an einen stillen und umgänglichen Mann.

„Aber bei allen Verdiensten Sergei Tschemesows – ohne Dresden hätte er wohl kaum erreicht, was er heute hat“, fügen sie hinzu.

Die Villa Angelikastraße 4 in Dresden-Loschwitz: in den 1980er Jahren Dienstvilla des KGB und Arbeitsstätte Wladimir Putins. Tschemesow leitete in derselben Stadt die Vertretung der Vereinigung „Lutsch“. Foto: Brücke-Osteuropa. Lizenz: CC0 / gemeinfrei (Bild verkleinert). Quelle: Wikimedia Commons
Die Villa Angelikastraße 4 in Dresden-Loschwitz: in den 1980er Jahren Dienstvilla des KGB und Arbeitsstätte Wladimir Putins. Tschemesow leitete in derselben Stadt die Vertretung der Vereinigung „Lutsch“. Foto: Brücke-Osteuropa. Lizenz: CC0 / gemeinfrei (Bild verkleinert). Quelle: Wikimedia Commons

Als Putin Ministerpräsident wurde, erhielt Tschemesow eine Berufung zu Promexport. Er wollte tatsächlich Auslandslieferungen betreiben – aber nicht irgendwelche Werkzeugmaschinen, sondern Waffen.

Also setzte Tschemesow die Fusion von Promexport mit der Firma Roswooruschenije durch. So entstand Rosoboronexport, der Kern der neuen Staatskorporation Rostechnologii – heute Rostec.

Und hier bekam der Konflikt der Weltbilder endlich klare Konturen. Putin sah Rostec als vorübergehende Konstruktion: unter seinem Dach die heruntergewirtschafteten Werke sammeln, darunter auch Rüstungsbetriebe, Staatsgeld hineinstecken, die Produktion in Gang bringen und sie danach zur Privatisierung an den Markt zurückgeben. Damit Wettbewerb entstünde und mit ihm die Qualität. Dabei sollten 50 Prozent der Erzeugnisse auf den zivilen Sektor entfallen.

Tschemesow aber wollte aus Rostec ein Imperium machen, und zwar eines ausschließlich für die Waffenproduktion. Deshalb führte er nur den ersten Teil des Plans aus – er schluckte die Aktiva – und konzentrierte sich danach auf die Rüstung. Der zivile Anteil fiel sehr rasch auf 30 Prozent zurück, wenn nicht darunter.

Und es wäre ja noch etwas, wenn Rostec konkurrenzfähige Hochtechnologiewaffen bauen würde. Tut es aber nicht. Tschemesow hat sich tatsächlich wie jener Verwalter verhalten: Er wühlte einfach in alten sowjetischen Entwicklungen, holte etwas daraus hervor – die Panzerhaubitze „Malwa“ etwa –, fügte ein paar neue Teile hinzu, strich es frisch an und gab es als allerneueste Entwicklung aus. Wollte Tschemesow dagegen einmal etwas Eigenes schaffen, kam der Panzer „Armata“ dabei heraus. Nach fast zwanzig Jahren Produktionshölle erwies er sich als zu teuer und als zu wenig geeignet für moderne Kampfhandlungen.

Der T-14 „Armata“ bei einer Probe für die Siegesparade in Moskau, 6. Mai 2018. Foto: Dmitriy Fomin. Lizenz: CC BY 2.0 (Bild verkleinert). Quelle: Wikimedia Commons
Der T-14 „Armata“ bei einer Probe für die Siegesparade in Moskau, 6. Mai 2018. Foto: Dmitriy Fomin. Lizenz: CC BY 2.0 (Bild verkleinert). Quelle: Wikimedia Commons

Denn Tschemesow ist kein Visionär, sondern eher ein Beschaffer sowjetischen Zuschnitts. Er kann ein Budget verausgaben und den laufenden Bedarf mehr schlecht als recht decken. Aber er ist nicht fähig, auch nur einen Schritt vorauszudenken. Nicht fähig zu begreifen, was Putin von ihm verlangt und vor allem wozu. So wurde aus dem Weggefährten Tschemesow ein Hindernis. Und was macht jeder Direktor mit einem solchen Verwalter? Richtig – er entfernt ihn.