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Sergei Naryschkin in der Sitzung des Sicherheitsrats zur Anerkennung der Republiken Donezk und Lugansk, 21. Februar 2022. Foto: kremlin.ru, CC BY 4.0
Sergei Naryschkin in der Sitzung des Sicherheitsrats zur Anerkennung der Republiken Donezk und Lugansk, 21. Februar 2022. Foto: kremlin.ru, CC BY 4.0

Sergei Naryschkin ist müde und verunsichert

Im Februar 2022 zitternd am Tisch des Sicherheitsrats, in der Sitzung eines Jubiläumskomitees bester Laune: Der Chef des russischen Auslandsgeheimdienstes wirkt seit Jahren wie ein Mann im falschen Amt — und er hat nie besonders verborgen, welches Amt ihm lieber wäre.

Der amtierende Direktor des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR, Sergei Jewgenjewitsch Naryschkin, hat sich in hohen, verantwortungsvollen Ämtern nie sicher gefühlt. Und gelegentlich hat er öffentlich durchblicken lassen, dass ihm ruhige Schreibtischarbeit auf kulturhistorischem Feld oder irgendwo in der Provinz weit lieber wäre.

Schon 2011, als Naryschkin die Präsidialverwaltung leitete und seine baldige Ablösung ahnte, sprach er unvermittelt und öffentlich davon, er hätte nichts dagegen, Gouverneur des Leningrader Gebiets zu werden, seiner Heimatregion. Keine zwei Monate nach dieser Rede wurde Naryschkin tatsächlich aus der Präsidialverwaltung entfernt — zum Ausruhen in einem Gouverneurssessel ließ man ihn allerdings nicht. Man schickte ihn an die Spitze des Parlaments.

Die Unentschlossenheit des scheuen Sergei Jewgenjewitsch erreichte ihren Höhepunkt am 21. Februar 2022, als ihm in der denkwürdigen Sitzung des Sicherheitsrats zur Anerkennung der Volksrepubliken Donezk und Lugansk etwas Merkwürdiges widerfuhr. Er zitterte, setzte mühsam die Füße, stotterte und hatte offensichtlich entweder vergessen oder überhaupt nie gewusst, worum es bei der Veranstaltung ging. Es heißt, er habe es tatsächlich nicht gewusst — der Chef des Auslandsgeheimdienstes war in die Pläne des Präsidenten nicht eingeweiht. Deshalb war Naryschkin überrascht, wurde seiner Nervosität nicht Herr und gab eine derart unbeholfene Figur ab.

Es heißt auch, Sergei Naryschkins Unfähigkeit, seine Nervosität zu verbergen, habe ihn daran gehindert, jene Aufgabe zu erfüllen, die man ihm während des Krieges zuzuschieben versuchte: die Verhandlungen mit dem Westen. Als Chef des Auslandsgeheimdienstes nimmt er an diplomatischen Treffen teil, an offiziellen wie an inoffiziellen, spielt dort aber keine große Rolle.

Dafür hat sich Sergei Jewgenjewitsch auf einem ganz anderen Feld entfaltet: Er ist inzwischen einer der wichtigsten Kulturkritiker des Westens. Seine Sätze über den historischen Niedergang Europas oder über den Ausgang des Krimkriegs im 19. Jahrhundert werden in europäischen Medien gewöhnlich als Äußerungen des SWR-Chefs geführt. Ganz zutreffend ist das nicht, denn tatsächlich spricht Naryschkin hier in einer anderen seiner Rollen — als Vorsitzender der Russischen Historischen Gesellschaft.

Das ist es, was Sergei Naryschkin offensichtlich gefällt, anders als die diplomatische oder die geheimdienstliche Arbeit. Aufsätze über die Größe der russischen Geschichte schreiben, über den Ausgang eines zwei Jahrhunderte zurückliegenden Krieges räsonieren oder Ausstellungen in historischen Museen eröffnen — Beschäftigungen, an denen ihm wirklich gelegen ist.

Sergei Naryschkin (rechts) und Wladimir Medinski am Tag der Unterzeichnung des Kooperationsabkommens zwischen der Russischen Historischen Gesellschaft und der Russischen Militärhistorischen Gesellschaft, 29. Juli 2020. Foto: Dmitri Alexejew. Lizenz: CC BY-SA 3.0 (Bearbeitungen müssen unter derselben Lizenz weitergegeben werden). Quelle: Wikimedia Commons
Sergei Naryschkin (rechts) und Wladimir Medinski am Tag der Unterzeichnung des Kooperationsabkommens zwischen der Russischen Historischen Gesellschaft und der Russischen Militärhistorischen Gesellschaft, 29. Juli 2020. Foto: Dmitri Alexejew. Lizenz: CC BY-SA 3.0 (Bearbeitungen müssen unter derselben Lizenz weitergegeben werden). Quelle: Wikimedia Commons

Derzeit leitet er gleich mehrere Organisationskomitees für Jubiläen: hundert Jahre Leningrader Gebiet, den 300. Geburtstag der Kaiserin Katharina II. und den 225. Geburtstag des russischen Gelehrten Wladimir Dahl, des Verfassers des ersten Wörterbuchs der russischen Sprache. In den Sitzungen dieser Komitees wirkt Sergei Naryschkin ganz anders als bei Verhandlungen mit Ausländern oder in Sitzungen des Sicherheitsrats. Er ist heiter, gesprächig, tritt sicherer auf und hat sichtlich Freude daran.

Es drängt sich der Eindruck auf, dass es Zeit ist, Sergei Naryschkin gehen zu lassen. Ihm ist unwohl, die Rolle des gefürchteten Geheimdienstchefs ist nichts für ihn. Und seine öffentlichen Erklärungen in dieser Funktion nimmt kaum jemand ernst. Unlängst lösten seine Drohungen in Richtung Lettland selbst unter russischen Beamten verhaltene Ratlosigkeit aus. Und Armenien hat entsprechende Drohungen an die eigene Adresse schlicht ignoriert.

Mit Armenien ist die Sache ohnehin unangenehm. Naryschkin gehört zu den wichtigsten und dienstältesten Lobbyisten aserbaidschanischer Interessen in Russland. Und er ist ein persönlicher Freund des aserbaidschanischen Milliardärs God Nissanow, der Präsident Ilham Alijew nahesteht. Von 2020 bis 2023, als Aserbaidschan die Republik Bergkarabach planmäßig beseitigte, war Naryschkin einer jener Spitzenbeamten, die den Kreml von einem Eingreifen abhielten. Heute wirken die öffentlichen Versuche des Chefs des Auslandsgeheimdienstes, Armenien in der russischen Umlaufbahn zu halten, wie eine bloße Formalität. Er hat dieses Bündnis schließlich selbst zerlegt.

Und selbst beim armenisch-aserbaidschanischen Konflikt brachte Naryschkin es fertig, öffentlich danebenzugreifen. Ganz am Ende des Jahres 2024 erklärte er, Baku und Jerewan zögen die USA als Vermittler in den Verhandlungen ganz sicher nicht in Betracht. Und schon im Sommer 2025 unterzeichneten Alijew und der armenische Ministerpräsident Nikol Paschinjan in Washington ein Friedensabkommen, unter den wachsamen Augen Donald Trumps.

Ilham Alijew, Donald Trump und Nikol Paschinjan bei der Unterzeichnung der gemeinsamen trilateralen Erklärung im Weißen Haus, 8. August 2025. Foto: The White House. Lizenz: gemeinfrei (Bild beschnitten und verkleinert). Quelle: Wikimedia Commons
Ilham Alijew, Donald Trump und Nikol Paschinjan bei der Unterzeichnung der gemeinsamen trilateralen Erklärung im Weißen Haus, 8. August 2025. Foto: The White House. Lizenz: gemeinfrei (Bild beschnitten und verkleinert). Quelle: Wikimedia Commons

Der Dynamik der russisch-amerikanischen Beziehungen kommt der SWR-Chef schlicht nicht hinterher. Das gesamte erste Halbjahr 2025 über sprach er davon, die USA seien „als Welthegemon degradiert“. Dann kam das Treffen zwischen Wladimir Putin und Trump in Anchorage. Naryschkin brauchte eine Weile, um sich auf die neue Frequenz einzustellen. Zu Beginn des Jahres 2026 sagte er bereits, die USA und Russland hätten sich praktisch über alles verständigt, nur die Europäische Union stehe im Weg. Doch da vollzog das Weiße Haus eine außenpolitische Kehrtwende, der Krieg im Iran begann, die Beziehungen kühlten wieder ab. Sergei Jewgenjewitsch verlor endgültig den Faden und wandte sich Lettland und Armenien zu.

Zentralbankchefin Elwira Nabiullina, Ministerpräsident Michail Mischustin und SWR-Direktor Sergei Naryschkin (rechts) vor der Beratung über die Ergebnisse des russisch-amerikanischen Gipfels in Anchorage, 16. August 2025. Foto: kremlin.ru. Lizenz: CC BY 4.0. Quelle: Wikimedia Commons
Zentralbankchefin Elwira Nabiullina, Ministerpräsident Michail Mischustin und SWR-Direktor Sergei Naryschkin (rechts) vor der Beratung über die Ergebnisse des russisch-amerikanischen Gipfels in Anchorage, 16. August 2025. Foto: kremlin.ru. Lizenz: CC BY 4.0. Quelle: Wikimedia Commons

Mehr noch: Es ist offensichtlich geworden, dass der russische Präsident es gar nicht für nötig hält, seine künftigen außenpolitischen Schritte mit dem Chef des SWR zu besprechen. Und von allein darauf zu kommen, gelingt Naryschkin nicht. Deshalb ist er, wie schon in der Sitzung des Sicherheitsrats 2022, ständig überrascht und verunsichert.

Zwischen historischen Monographien, Museumsstücken und Denkmälern würde Sergei Naryschkin weit besser wirken. Und er selbst wäre erheblich glücklicher.